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Eine Filztasche entsteht – Aphrodite # 2

31. Dezember 2009 | Filz & Form | 8 Kommentare

Um Euch die Wartezeit auf Mitternacht zu verkürzen, gibt es heute den sehr ausführlichen Teil 2 mit vielen Fotos zur Serie »Eine Filztasche entsteht – Aphrodite«. Viel Spaß dabei!

Das Futter

Während das Silikon mit dem ich die Platten für die Form zusammengeklebt habe aushärtet, schneide ich das Innenfutter der Tasche zu. Eigentlich benötigen Filztaschen, die im Hohlkörperverfahren gefilzt werden, kein Futter weil keine Nähte entsthen.  Da es aber gewünscht ist,  bekommt die Tasche ein Futter mit innenliegender Reißverschlußtasche. Zukünftig werde ich die Innentasche gleich mit einfilzen und kann damit auf das Futter verzichten.Das Futter verstärke ich zusätzlich mit Vlies, damit die Nähte auch wirklich halten und im Laufe der Benutzung nicht aufgehen und ausfransen.

 

 

Das Futter ist fertig. Die einzelnen Nähschritte zeige ich nicht, da ich schätze, dass viele von Euch selber nähen und es wirklich nur gerade Nähte sind. Gut, die Reißverschlußtasche wäre jetzt noch interessant, aber im wesentlichen geht es mir darum Euch zu zeigen, wie ich die Tasche filze.

Was hat denn diese Tasse mit der Tasche zu tun? Gar nichts, nur soviel, dass ich gerne bei meinen Arbeiten Tee trinken. Bevorzugt schwarzen Tee »Ostfriesenmischung« .

 

 

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Scherenfetischist bin? Ich habe für fast jeden Zweck und Anlass die passende Schere … da geht noch was, da ist noch Luft nach oben.

Nachdem das Silikon ausgehärtet ist habe ich die Form zugeschnitten. Zum Größenvergleich habe ich mal die Form der Ursprungstasche daneben gestellt. Die Vorarbeiten sind erledigt, jetzt wird gefilzt. Noch nicht ganz, es bedarf noch einiger Vorbereitungen bevor gefilzt werden kann

 

Das Schrumpfen

Ich übertrage den Schnitt, den ich zum Filzen brauche auf Noppen- oder Trittschallfolie. Auf der Noppenfolie habe ich zwei Linien gezeichnet (s. Foto oben). Die Innere ist die Originalgröße. Bei der Äußeren handelt es sich um die »Nahtzugabe« für den Schrumpfprozess.

Wolle schrumpft beim Filzen. Je nach Sorte kann das sehr unterschiedlich sein. Der Schrumpfvorgang ist auch abhängig davon, wie dick man die Wolle ausgelegt hat und wie dicht der endgültige Filz sein soll. Ich bevorzuge eher dünnere, stabile und zähe Filze. Die Festigkeit erreiche ich dadurch, dass ich lange walke. Dafür lege ich die Fläche sehr dünn aus, filze sie und walke sie anschließend lange. Denn je länger ich walke, desto mehr schieben sich die Wollfasern ineinander und verhaken sich immer dichter. Dieser prozeß kann über Stunden gehen und ist körperlich sehr anstrengend. Nur so erhalte ich qualitativ hochwertigen, langlebigen und stabilen Filz, der lange schön aussieht.

Vielleicht wird langsam klar, warum viele handgefertigte Filzprodukte preislich nie so günstig sein können wie industriell hergestellte Waren aus Massenproduktion und auch nicht vergleichbar sind. Die Vergleiche mit Industrieware war auf Märkten immer wieder Anlass für mich, mich in äußerster Selbstbeherrschung zu üben. Ebenso der regelmäßige Vergleich mit dem Sprössling, der im Kindergarten auch filzen gelernt hat, trieb mir gerne leichte Aggressionsflecken ins Gesicht.

 

Das Filzen

Das Filzen kann beginnen. Dazu löse ich in einem Liter Wasser einen Esslöffel Schmierseife auf. Schmierseife ist günstig. Natürlih kann man mit vielen anderen seifen auch filzen. Gerne wird Olivenölseife verwendet, weil sie rückfettend ist und die Hände nicht so angreift. Letztendlich ist es egal bei langen Filzsitzungen: irgendwann mag keine Haut mehr, egal mit welcher Seife.

 

 

Die erste Seite ist ausgelegt und mit heißem Seifenwasser befeuchtet. Nun lege ich die Schablone auf und drücke mit ihr die Luft seitlich aus der Wolle. Die überstehende Wolle wird erst später angefeuchtet und umgeklappt.

Besonders Rundungen in deren Innenradius sich die Wolle in Falten staucht stellen eine Herausforderung dar. Wer an diesen Stellen hastig arbeitet riskiert Wülste im Filzgut. Daher, Zeit nehmen und langsam die Falten herausfilzen. Filzen bedeutet sich Zeit nehmen zu müssen. Hektik und Ungeduld gehen nicht mit Filzen zusammen. Die Rundung ist sauber ausgearbeitet und weist keine Falten mehr auf. Jetzt kann die zweite Seite aufgelegt werden.

Die Fasern sind angefilzt. Das erkenne ich daran, das keine Fasern mehr hochgezogen werden können ( Zupfprobe ). Es ist Zeit die Schablone aus dem Filz zu entfernen. Dazu schneide ich das Werkstück auf und ziehe die Schablone raus. Nun filze ich von innen weiter. Drehe den Schnitt um, filze die Kanten sauber. Diesen Vorgang wiederhole ich, bis ich mit der Festigkeit zufrieden bin.

 

Das Walken

Das Filzen ist abgeschlossen. Es wird Zeit die Form einzusetzen um den flachen Filz in die gewünschte Taschenform zu bringen. Um Stabilität in den Filz zu bekommen und die Oberfläche zu verdichten, wird jetzt gewalkt. Dazu besprühe ich den Filz mit sehr heißem Wasser, rolle ihn ich in dünnen Baumwollstoff und bewege ihn mit hohem Druck hin und her. Zwischendurch öffne ich das Paket immer wieder, ziehe den Filz über die Form und passe mit gezielten Walken die Form an. Das kann sehr lange dauern. in diesem Fall waren es zwei Stunden. Danach wird der Filz wird zum Trocknen über die Form gezogen. So bekommt er seine endgültige Form.

 

 

Schulterriemen und Filz für die umlaufenden Riemen sowie für die Schärpe fehlen noch, diese werde ich heute noch filzen.

Ich verabschiede mich nun von Euch und wünsche Euch einen guten Rutsch. Das Wetter bringt ja die besten Voraussetzungen dafür mit, wenn ich so aus dem

[ Doris Niestroj – die.waschkueche ]

8 Kommentare

  1. Liebe DorisDu musst ja Muckis haben…Ich wünsche Dir einen erholsamen Rutsch ins 2010.GLG Sabine

  2. Danke für diesen ausführlichen Beitrag! Mit Filzen kenne ich mich gar nicht aus, aber Qualitätsunterschiede bei Gefilztem sind mir auf Märkten schon aufgefallen. Bisher konnte ich nur nie richtig benennen, worin die Unterschiede liegen. Manche Sachen, die so angeboten werden (und die kommen manchmal sogar von einheimischen Filzern) sind ja kaum mehr als in Form gedrückte Wolle, gar nicht richtig verbunden.Einen guten Start für 2010 wünsche ich Dir (und mache mich jetzt an die Cocktails, Prost!)Lucy

  3. Boah, Doris!Tolle Anleitung, und so viel Arbeit!Ordentlichaufdieschulterklopf!!!!Das nenne ich mal Perfektion.Liebe Grüße, Claudi

  4. Da war ich schon von den Adventskränzen so entzückt – nun verfolge ich hier gebannt wie es weitergeht und bin schwer begeistert. Meine Filzkünste sind da wahrscheinlich eher das zitierte "Kindergartenniveau" aber was nicht ist, kann ja noch werden …. ;-)Liebe Grüße Sandra

  5. @mPuÜbung macht den Meister… 😉

  6. Wow, sind das eindrückliche, ausführliche und interessante Einblicke in die Arbeit einer 'Taschenmacherin'! Toll, deine Anleitung!!Liebe GrüsseDoris

  7. das ist ja ein toller beitrag! besonders die scherensammlung, da kann ich mich gleich einreihen. Gute scheren machen spass. Mir zumindet…

  8. super deine anleitung. da ich selbst filzerin bin und schon kurse gehalten habe, habe ich auch schon mal einen online-bilderkurs übnerleght…bin aber einfach zu faul dazu. da verweise ich lieber auf dich! 🙂

♥ Willkommen !

Schön das Du mich gefunden hast!
In meinem Blog erwarten Dich unterhaltsame und informative Einblicke in meine Filzwelt. Damit es aber nicht zu einseitig wird, sind noch andere Themen untergemischt die mich interessieren oder bewegen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht
Doris Niestroj

Archiv


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