Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Ich musste zweimal nachschauen, diese Filztasche mit der Kuckucksuhr als Motiv gehört zu der Taschenkollektion “Heimat”, welche ich bereits 2012 entworfen haben. Ich war erstaunt, dass es schon so lange her ist, als ich mich das letzte Mal gestalterisch so intensiv mit Taschen befasst habe.

 

Tiefe Einblicke in die Filztasche Kuckucksuhr

Besonders  an dem Motiv der Filztasche Kuckucksuhr  habe ich auch heute noch meinen Spaß. Alle Taschen dieser Serie sind ausgestattet mit einer verschließbaren Innentasche, einem Keyfinder und selbstredend äußerst stabil gearbeitet. Die Trageriemen sind aus strapazierfähigen Baumwollgurten. Was man denn Taschen auf den ersten Blick nicht ansieht, sie sind kleine Raumwunder. Da passt auch schon mal Wesentliches für einen Wochenendtrip rein.

Ein Manko hat die Filztasche Kuckucksuhr und ihre Serien-Kollegen jedoch, sie lassen sich nicht schließen. Ich hatte das für nicht so wichtig gehalten, da die Innentasche durch einen Reißverschluss geschlossen werden kann. Außerdem sind die Tasche so tief,  dass etwaige Langfinger bis zu den Ellenbogen in den Korpus abtauchen müssten um etwas zu stibitzen. Diese Bewegung würde die Trägerin sicher an den Schultergurten merken. Aber es geht ja nicht nur darum den Inhalt vor Verlust sondern auch vor fremden Blicken zu schützen.

 

Filzen lernen. Filztasche Kuckuckuhr. Doris Niestroj | Filzdesign.

 

Wenn Reißverschlüsse verunsichern

Natürlich könnte ich einen Reißverschluss in die Öffnung nähen, aber dann sähe man die Nähten außen quer über die Seiten der Tasche und somit auch durch das Motiv laufen. Fand ich eher suboptimal, Nähte die durch das Motiv laufen, ein No Go für mich.
Es gibt natürlich eine Möglichkeit einen Reißverschluss so anzubringen, dass keine Naht durch irgendwelche Dekore läuft, aaaaber dafür muss man sehr genau arbeiten. Zwar bin ich ein Freund von akkurat gearbeiteten Filz, dennoch scheute ich mich davor. Ich traute es mir einfach nicht zu. Also beließ ich die Öffnung so wie sie war, nämlich offen. Solange, bis sich eine Kundin die Filztasche Kuckucksuhr mit einem Verschluss wünschte. OKEEEEH …. der Mensch wächst ja bekanntlich mit den Aufgaben. Ich machte mich ans Werk.

 

Einfach bedeutet nicht immer einfach

Die Lösung ist eigentlich recht simpel: Innen werden an die Seitenteile, über die gesamte Breite Laschen gefilzt. An diese Laschen wird später der Reißverschluss genäht.  Diese Art des Verschlusses ist gängige Praxis. Nichts Neues und damit eigentlich kein Hexenwerk.

Damit diese beiden Laschen parallel in der Höhe aufeinandertreffen und zwar so exakt, dass der Reißverschluss später nicht schief und krumm eingenäht wird und damit die Tasche verzieht, muss auf ein paar Details geachtet werden. Gutes Filzen beginnt nämlich schon beim gleichmäßigen Auslegen der Wolle.
Besonders bei größeren Werkstücken, wie z.B. bei der Filztasche Kuckucksuhr, eine sehr zeitintensive, wenngleich auch meditative Angelegenheit. Dabei muss man sehr diszipliniert arbeiten. Denn, werden die Wollschichten nicht gleichmäßig ausgelegt, verzieht sich der Korpus spätestens beim Walken. Dort wo die Wolle dünner ausgelegt wurde, zieht er sich mehr zusammen, als da, wo die Wolle dicker ausgelegt wurde.  Das kann zu schiefen Verformungen in Höhe und Breite der Tasche führen.
Manches kann noch mit Ziehen und Zerren während des formgebenden Walkens korrigiert werden, aber auch brachialer Gewalt sind irgendwann physikalische Grenzen gesetzt. Die Folge, die Laschen stoßen in der Höhe nicht parallel aufeinander und der eingenähte Reißverschluss verzieht die Tasche wellig.

 

Filztasche filzen. Filztasche mit Motiv Kuckcuksuhr. Doris Niestroj | Filzdesign.

 

Beim Filzen braucht es ein feines Gefühl

Besonders für Anfänger ist das gute und saubere Auslegen der Wolle erst einmal ein Buch mit 7 Siegeln.  Eine mühevolle, ungeliebte Eichhörnchen-Arbeit aber so wichtig für ein schönes Ergebnis. Anfangs habe ich Striche für jede gelegte Lage gemacht, um nicht durcheinander zu kommen. Mengen von ungleichmäßig dicken Filz habe ich in meiner Anfangszeit produziert. Doch je öfter ich filzte, desto routinierter wurde ich beim Auslegen.
Mit der Zeit erlangte ich die sensorische Fähigkeit feinste Unebenheiten genau zu ertasten, die Kontrollstriche brauchte ich irgendwann nicht mehr. Nach 20 Jahren Filzerfahrung ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen, leicht mit der flachen Hand über eine ausgelegte Fläche zu streichen um die Gleichmäßigkeit der ausgelegten Wolle zu prüfen. Es ist erstaunlich wie sensibel unsere Hände sind. Sie sind in der Lage selbst im luftigsten und flauschigsten Material feinste Unebenheiten zu spüren.

Lange Rede kurzer Sinn, ich habe es trotz ärgster Befürchtungen hinbekommen. Die Laschen treffen ganz genau aufeinander, so dass der Reißverschluss sauber, ohne Wellen zu schlagen eingenäht werden konnte. Geht doch!

 

Fazit

Sich selbst auch mal was zutrauen. Gilt im Übrigen nicht nur für das Filzen.

Wenn Du jetzt Lust bekommen hast Dir auch so eine Tasche anzufertigen, Dich aber bislang nicht ans Filzen getraut hast empfehle ich Folgendes:

Trau Dich, Filzen ist einfach zu erlernen und hat eine steile Lernerfolgskurve.
Üben, üben, üben, denn Übung macht den Meister.
Schau Dir das kostenlose Filztutorial ” Grundtechniken & Basiswissen” von Sophia von Art zu Leben an.

Ich wünsche Dir viel Spaß und gutes Gelingen bei Deinen zukünftigen Projekten!

 

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