Filzwerkstatt | Kardieren

29. Dezember 2020 | Filz & Form

Die Filzwerkstatt – eine Serie mit der ich meine Erfahrungen, mein Wissen, Tipps und Tricks über das Filzen weitergeben möchte. Begonnen habe ich die Serie zum Thema Seife.

Ich erhebe aber nicht den Anspruch der Vollständigkeit, denn Filz ist ein unglaublich vielseitiges Material mit unendlichen Einsatzgebieten, wovon ich nur einen Teil abdecke.
Diese Serie basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Vorgehensweisen, Verfahren, Lösungen, Kenntnissen und Techniken. Jeder macht es anders, daher gibt es nicht die eine und einzige Methode, es gibt kein Falsch und kein Richtig!

Kürzlich habe ich über den Teppich geschrieben, der zurzeit in meiner Filzwerkstatt entsteht. Eine Besonderheit ist, neben seinem eigenwilligen Design, die Farbe. Dabei handelt es sich um die Farbe Orange, das aus sechs verschiedenen Wollfarben besteht, indem ich diese mithilfe der Handkardiermaschine zum gewünschten Farbton mische.

Das Video zeigt wie ich eine solche Farbmischung mit meiner Handkurbel-Kardiermaschine herstelle. Im weiteren Verlauf erkläre ich was kardieren ist, wofür es gebraucht wird und wie es funktioniert.

Kardieren – Nie gehört!


Schmutz, Pflanzenreste und das Wollfett verkleben die Fasern der Wolle, auch die feine Unterwolle ist leicht verfilzt, so das die Wolle bei der Schur an einem Stück vom Schaf kommt. Genannt wird die zusammenhängende Wolle Vlies. Sie ist in diesem Rohzustand kaum zu verarbeiten. Daher muss sie gewaschen und gekämmt werden.
Zum Filzen ist es nicht unbedingt nötig, wenngleich von großem Vorteil. Auch mit diesem ungewaschenen, leicht angefilzten Wollvlies kann gefilzt werden. Diese Spielart des Filzens nennt sich „Rohwolle filzen“. Wegen der Verschmutzungen und des starken Schafgeruches ist diese Technik nicht jedermanns Sache. Aber hier soll es ums Kardieren gehen, daher, weiter im Text.

Nach der Schur – ab diesem Zeitpunkt wird die Wolle Schurwolle genannt, wird das Vlies gewaschen und anschließend auseinander gezupft. Das Zupfen in Flocken löst Knoten und entfernt  weitere Pflanzenreste. Die Wolle, jetzt lose Flocken, ist bereit zum Kardieren. Durch das Kardieren wird die Wolle weiter gesäubert und gleichmäßig gekämmt. Die Fasern werden in eine parallele Anordnung gebracht, wo sie luftig und locker in einem dünnen Vlies nebeneinander liegen. Nun können sie zu Garn versponnen oder als Filzvlies gefärbt und dann verkauft werden.

So funktioniert Es


Kardieren leitet sich vom Begriff Kämmen ab, ist auch als Kardätschen oder Krempeln bekannt. Daher werden die industriellen Kardiermaschinen auch Krempelmaschinen genannt. Das Vlies, welches nach dem Kardieren  (kardätschen / krempeln) zum Filzen verkauft wird, wird gelegentlich als Krempelvlies bezeichnet. Vielleicht hat dieser Begriff den ein oder anderen von Euch schon mal irritiert und Ihr habt Euch gefragt, ob es sich um ein besonderes Filzvlies handelt? Nein, es bezeichnet nur kardierte Schurwolle die im Vlies verkauft wird.

Handkardiermaschine mit Detailaufnahmen des belages mit Metallstiften.
Handkardiermaschine. Das gleiche Prinzip wird bei den Industriemaschinen angewendet.

Industrielle Kardiermaschinen bestehen aus einem Einzug für die Wollflocken und aus gegeneinander laufenden Walzen, die mit einem Belag aus tausenden, dünnen geknickten Metallstiften belegt sind. Der Prozess des Kardierens läuft, vereinfacht beschrieben, folgendermaßen ab: Die Wollflocken werden von der ersten Walze eingezogen und wechseln dann auf die größere Trommel, wo gegenläufige kleinere Trommeln die Wollflocken kämmen und ordnen. Von dort werden sie an den Abnehmer weitergegeben, der die fertig gekämmte Wolle, die nun eine zusammenhängende hauchdünne Lage ergibt, zum Aufwickeln weiterleitet.

Während des gesamten Vorgangs werden die Flocken auseinandergezogen, gekämmt und parallelisiert. Vielleicht habt ihr Euch schon mal bei einem gekauften Filzvlies gefragt, wie diese feinen Lagen des Kaufvlieses zustande kommen, welche hauchdünn voneinander getrennt werden können. Nun habt Ihr die Antwort. Das war schon das ganze Geheimnis des Kardierens.

Weitere Einsatzmöglichkeiten


Das Kardieren wird nicht nur zum Kämmen der Wolle eingesetzt. Auch Vliese in verschiedenen Farben, gefärbt oder in natürlich gewachsenen Tönen, können miteinander zu neuen Farben kombiniert werden. Ich mag diese Mischungen, denn sie geben dem Filz mehr Tiefe und Lebendigkeit als die unifarbenen Farbvliese. Diese wirken, nach meinen Empfinden, als fertiger Filz schnell langweilig. Aber das ist Geschmackssache. Letztendlich  kommt es darauf an, was für ein Ergebnis erzielt werden soll.

Handkardiermaschine. Das Foto zeigt, wie aus vier Unifarben eine individuelle Farbmischung kardiert wird.



Eine weitere Verwendung von Kardiermaschinen ist die Kombination verschiedener Woll- und / oder Faserqualitäten. Zum Beispiel: Merinowolle mit Seide oder grobfaserige Wolle mit feiner Wolle. 

KardierMaschinen für den Hobbybereich


Natürlich gibt es neben den industriellen Kardiermaschinen auch noch solche für den privaten Gebrauch. Handkardiermaschinen nennt man diese und auf den Fotos ist ein solche zu erkennen. Sie leistet mir gute Dienste um verschiedenen Wollqualitäten zu vermischen oder neue Farbkombinationen für meine Filzprojekte herzustellen,  wie z.B. den orangenen Teppich. Rohwolle habe ich damit noch nie kardiert, da ich bislang keine Rohwolle verarbeitet habe. Diese Maschinen sind gibt es mit Elektromotor oder wie meine, mit Handkurbelbetrieb.

Handkarden

Eine weitere Form der Kardiermöglichkeit sind Handkarden. Ich empfinde das Kardieren mit den Handkarden allerdings als sehr mühselig und es beansprucht meine Handgelenke schmerzhaft. Geeignet sind Handkarden, meiner Ansicht nach, eher für kleine Chargen. Große Mengen würde ich persönlich damit nicht bearbeiten.

Kardiermaschinen bekommt Ihr bei den einschlägigen Filzwolllieferanten. Gelegentlich gibt es sie auch gebraucht. Ich für meinen Fall überlege mir eine elektrisch betriebene Kardiermaschine anzuschaffen, da ich mir mittlerweile meine Farben und Qualitäten gerne selber zusammenstelle und oft größere Mengen brauchen. Denn, auch mit der Handkurbelmaschine wird kardieren nach zwei Stunden anstrengend.

Ich fang dann schon mal an zu sparen …

[ Doris Niestroj – Filz & Form ]

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Information. Wissen teilen… herrlich! Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag. LG Iris

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    • Liebe Iris,
      ich freue mich darüber, dass Du Interesse an meinem Filzwissen hast und Danke Dir dafür.
      Ich weiß selber noch nicht genau, wohin die Reise geht. Lassen wir uns überraschen!
      LG Doris

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  2. Danke Doris für das tolle Video !
    Liebe Grüße aus Leipzig von Silvia

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  3. Danke Doris für das tolle Video ! Ich werde auf so eine Maschine sparen!
    Liebe Grüße aus Leipzig von Silvia

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    • Hallo Silvia,
      gerne doch. Ich hoffe, es wird nicht das letzte seiner Art gewesen sein.
      LG Doris

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