Paulas Wolle

25. Oktober 2020 | Land & Leute

Paulas Wolle mit Filzprobe und Leaflet

Schafwolle ist der Grundstoff aus dem die Filzerträume sind. Sie gilt als eine der besten und gesündesten Rohstoffe für die Textilherstellung. Sofern die Wolle entsprechend verarbeitet wurde. Aber Wolle findet nicht nur im Textilbereich Anwendung. Sie wird als Dämmstoff verwendet, für Bettdecken genutzt, Teppiche werden aus ihr hergestellt, Möbelstoffe und vieles mehr. Filz natürlich auch. Industriell hergestellter Wollfilz hat viele Einsatzgebiete. Von den Anschlagköpfen für Klaviere bis zu Hüten.

Die Wanderschäferei leistet einen wertvollen Umweltbeitrag


Wolle ist nachhaltig und ein nachwachsender Rohstoff. Bis ins 19. Jahrhundert war Wolle so kostbar, dass das Tragen von Wollkleidung ein Privileg der wohlhabenden Bürgern war. Erst der Import von Schafwolle aus Australien und Neuseeland machte dieses wertvolle Material auch für den Rest der Bevölkerung erschwinglich. Mit dem Massenimport verlor die Schäferei in Europa, respektive im deutschen Raum, jedoch zunehmend an Bedeutung.

Immer weniger Menschen üben den Beruf des Schäfers aus, denn neben einem entbehrungsreichen Leben das viel Idealismus verlangt, können sie von ihrer Tätigkeit kaum noch leben. Für die wertvolle Wolle bekommen sie wenig Geld. Oft muss diese sogar kostenpflichtig entsorgt werden, weil keiner sie haben will und der Verkauf von Lammfleisch fällt, aufgrund gesunkener Weltmarktpreise auch nicht üppig aus.

Und das, obwohl die Wanderschäferei einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt und Landschaftspflege jahrhundertealter Kulturlandschaften, wie z.B. der Lüneburger Heide oder der Schwäbischen Alb, leisten. Mit ihrer Arbeit bewahren sie natürliche Lebensräume von Pflanzen und Tieren, schützen vor Wasser- und Winderosion, betreiben vorbeugenden Hochwasserschutz (Deichpflege) und pflegen wichtige Kulturlandschaften.

Finanzielle Sicherheit durch Selbstvermarktung


Seit ungefähr zwei Jahren folge ich in den sozialen Medien dem Instagramaccount »Schafzwitschern« des Wanderschäfers Sven de Vries. Er gibt tiefe Einblicke in sein Leben als Wanderschäfer. Lässt seine Follower an den schönen Momenten, aber auch an den Schattenseiten seines Berufes teilhaben. So auch die Tatsache, dass er, aufgrund des geringen Einkommens durch die Schäferei, mit seinen finanziellen Mittel immer auf der Kippe steht

Um aus der finanziellen Misere zu kommen, begannen er und sein Mitarbeiter/Kollege Max, Leitschaf Paula und 700 weitere wollige Kolleginnen vor zwei Jahren mit der Selbstvermarktung. Letztes Jahr wurden verschiedene Schafwurstsorten erfolgreich gelauncht. Dieses Jahr war nun die Wolle ihrer 700-köpfigen Schafherde dran. Im Juli starteten sie dafür das Crowdfundingprojekt »Paulas Wolle« um die Vermarktung und die Verarbeitung ihrer Wolle in der Anfangsphase finanzieren zu können.

Worüber ich mich besonders gefreut habe ist, dass sie dabei von Mona Knorr begleitet wurden. Mona kenne ich noch aus Dawandazeiten und aus den gemeinsam, mit Fee-Jasmin Rompza, ins Leben gerufenen Koffermärkten »Handmade im Gepäck«. Mit einem gewissen Stolz darf ich sagen, dass wir die ersten waren, die den Koffermarkt in der jetzt bekannten Form in Deutschland bekannt gemacht haben. Das nur am Rande und lang ist es her. Mit Mona hatten Sven, Max und Paula die richtige Beraterin für das Crowdfunding an ihrer Seite. Lange Rede, kurzer Sinn: das Crowdfunding wurde ein voller Erfolg.

So filzt es sich mit Paulas Wolle

Als Filzerin bin ich an nachhaltig produzierter Wolle aus artgerechter Haltung, im besten Fall aus regionaler Herkunft interessiert. Zur Unterstützung des Projektes leistete ich daher einen Beitrag und durfte mir als Dankeschön etwas aus der ersten verarbeiteten Wollcharge aussuchen. Ich entschied mich für 1 Kilo Merinowolle im Kardenband. Nicht verwechseln mit Kammzug, dafür ist die Stapellänge der verarbeiteten Wolle zu kurz.

Es war ein schönes Erlebnis das Paket zu öffnen. Zu meiner Freude ohne viel Verpackungsgedöns, sondern auf das Wesentliche reduziert, kam mir die weiche Wolle sofort entgegen. Beiliegend ein Leaflet in einem wohltuenden, zurückhaltenden Design – endlich mal wieder jemand, der es nicht nötig hat optisch laut HIER zu schreien – welches ausführlich über die Philosophie, Herstellung und den Hintergrund informiert.

Die Wolle ist fein, sauber kardiert und ohne Pflanzenreste. Leider ist noch nicht bekannt welchen Feinheitsgrad (Micron) die Wolle hat. Im direkten Vergleich zu der südafrikanischer Merinowolle, die ich hauptsächlich verarbeite, würde ich sagen: gleichwertig. Sprich 21 Micron. Wenn nicht sogar feiner. Darüber war ich positiv überrascht. Merinowolle wird hauptsächlich in Ländern wie Australien, Neuseeland, Südafrika und Südamerika produziert, da aufgrund der warmen Witterung, mit wenig Regen, die Wolle feiner auswächst. Ich hätte nie gedacht, dass Merinoschafe in unseren kühleren Breitengraden Wolle von so feiner Qualität vorweisen.

Natürlich habe ich auch sofort ein Musterstück gefilzt. Dafür habe ich 20 Gramm auf 30 x 30 cm ausgelegt, gefilzt und gewalkt. Der Schrumpffaktor liegt bei ca. 1,5. Der fertige Filz hat eine glatte, wenig körnige Oberfäche. Er wird sehr dicht, bleibt dabei aber weich auch wenn er komplett ausgewalkt ist.
Die Wolle hat sehr gute Filzeigenschaften. Zwar verhält sie sich beim Anfilzen erst etwas träge, filzt dann aber plötzlich schnell an. Auch beim Walken bin ich rasch vorwärts gekommen.

Mehr habe ich noch nicht gefilzt. Einige Ideen was ich aus der Wolle filzen möchte habe ich schon im Kopf und hoffe diese bald umzusetzen. Ich werde davon berichten.

Wer sich für das Projekt interessiert und mehr vom Leitschaf Paula und ihren Kolleginnen erfahren möchte, findet auf dem Blog »Schafzwitschern« weiterführende Infos zum Shop, zum Crowdfundingprojekt, Instagram, Facebook, YouTube und Twitter.

Ich wünsche Sven, Max, Paula und dem Rest der Herde von ganzen Herzen viel Erfolg!

[ Doris Niestroj – Filz & Form ]

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Doris,
    vielen Dank für dein Ausprobieren und Teilen deiner Erfahrungen. Da könnte man direkt das nächste Mal die Wolle testen. LG Ina

    Antworten
    • Hallo Ina, ja, das kann man. Allerdings gibt es nicht unendlich viele Wolle bei Sven. So, wie wir es von unseren Wollhändlern kennen. Er vermarktet ausschließlich die Wolle seiner Herde, nicht mehr. Das sind pro Schur/Jahr ungefähr 2 Tonnen. Ist die Charge weg, gibt es bis zur nächsten Schur keine Wolle mehr. Aber wer weiß, was da noch kommt. ich bin ehrlich, ich finde diese natürliche Verknappung gut, denn dadurch wird einem vielleicht bewußt, dass man mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen mit Bedacht umgehen sollte.
      Für Deine Gardinen kann ich mir diese Wolle sehr gut vorstellen. Für Schultüten würde ich sie nicht einsetzen, das wäre zu schade!
      LG Doris

      Antworten

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