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Schultüte Alice im Wunderland

6. Februar 2017 | Filz & Form | 8 Kommentare

Die Geschichte “Alice im Wunderland” von Lewis Carroll ist spätestens seit dem Kinofilm 2010 mit Johnny Depp als verrückter Hutmacher sehr bekannt. Zugegeben, die Erzählung ist nicht das, was man bei näherer Betrachtung als kindgerecht bezeichnet. Viele heutige Erwachsene haben sich als Kinder bei dieser Geschichte geängstigt.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Mich wundert es ein wenig das ausgerechnet die fiktiven Erlebnisse von Alice bei vielen als grausam und gruselig haften blieben. Waren oder sind die Märchen der Gebrüder Grimm doch nicht minder butal, rücksichtslos und gewalttätig. Man denke an den Frosch der von einer verzogenen Göre an die Wand geschmissen wird.

An die böse Stiefmutter, die ihrer Stieftochter nach dem Leben trachtet. Bloß weil so ein bekloppter Spiegel behauptet, die Tochter sei schöner als die Königin. Es  weiß doch jeder, dass man Spiegeln nicht trauen darf. Meiner z.B. zeigt mir regelmäßig morgens eine völlig fremde Person.

Dann gibt es noch die andere Stiefmutter. Jene, die ihre Stieftochter mit Erbsenzählen schikaniert, während ihre blasierten Töchter aus erster Ehe alles puderzuckerfein in den Allerwertesten geblasen bekommen. Wobei, auch bei ihnen die geltungsbedürftige Mutter keine Gnade kennt. Sie verlangt von beiden das sie sich die Fersen abschneiden, damit sie in einen zu kleinen Schuh passen. Es geht ja das Gerücht das wir Frauen bei Schuhen zu willenlosen Geschöpfen werden, aber die Ferse abhacken?

Zum Schluß sei noch an das kleine Mädchen erinnert das seine Großmutter besucht. Letztendlich schlitzt es in einem furiosen Showdown einem Tier, dass heute unter Naturschutz steht und nur seinem natürlichem Fresstrieb nachgegangen war, den Bauch auf. Befüllt diesen, nachdem es den Mageninhalt in Form von der, vermutlich vorverdauten, Großmutter entfernt hat, mit Steinen. Was passiert? Das Tier bekommt heftigen Durst nach der Stein-OP und ersäuft elendig währen des Trinkens, weil die Steine den Vierbeiner ins Wasser ziehen.

 

Schultüte Alice im Wunderland aus Filz.
Filzfigur Alice im Wunderland.

Märzhase mit Taschenuhr auf der schultüte Alice im Wunderland.

 

eeindruckende Phantasie

Alle Märchen erkannt? Die Liste unbarmherziger Märchen mit brutalen Background lässt sich beliebig verlängern. Betrachtet man die bekannten Märchen mal nicht glitzerverbrämt aus dem Große-Kuhaugen-Klimper-Disney-Trickfilmblickwinkel, erschließen sich einem nicht minder grausige Szenarien wie bei Alice.

Als Kind habe ich die Geschichte von Alice im Wunderland gerne gelesen. Was nicht bedeutet, dass ich Tieren den Bauch aufschnitt, meine Ferse abhackte oder Frösche an die Wand schmiss. Geschweige denn Flamingos als Croquetschläger zweckentfremdete oder in jeden Pilz biss, der irgendwie am Wegesrand stand.

Mich beeindruckte schon damals die grosse Portion Kreativität, die benötigt wird um solche Geschichten zu entwerfen. Ich behaupte mal, dass die Lektüre für mich eine der Initialzündungen für mein beruflichen Wunsch “später einmal irgendetwas mit Kreativität zu machen” war. Damals mit 12. Mit 14 stand mein Berufswunsch schließlich fest … aber das ist eine andere Geschichte und nicht aus dem Wunderland.

In den Kinofilm hat mich allerdings nichts gezogen. Ich wollte mir meine, immer noch von damals bestehenden, kindlichen Phantasiebilder durch Hollywood nicht zerstören lassen.

 

Doku zur Herstellung der grinsekatze aus Filz für die Schultüte Alice im Wunderland.

 

So kommt Alice im Wunderland auf eine Schultüte

Entsprechend groß war meine Freude, als ich den Auftrag für eine Alice im Wunderland-Schultüte erhielt. Bevor sie wohlbehalten nach Hause zurückkehrt, erlebt Alice eine Menge absurder Abenteuer im Wunderland. Welches dieser Erlebnisse sollte die Schultüte zieren? Alle? Das waren zu viele. Ich musste eine Auswahl treffen.

Es bot sich an, dass der Zylinder des Hutmachers die Schultüte oben verschloß. Der Märzhase mit seiner Uhr durfte nicht fehlen, genauso nicht die gelegentlich transluzierende Grinsekatze. Die roten Rosen stehen stellvertretend für die Rosenkönigin mit ihrer Spielkarten-Armee, die auch noch im Ansatz Platz fanden. Dann wurde es eng auf dem umfilzten Pappkegel. Alice, die Hauptfigur, parkte ich auf der Krempe des Zylinders. Leider fanden einige Figuren dieser Fiktion keinen Platz mehr auf der Schultüte, denn die ausgewählten Charaktere sollten noch deutlich erkennbar sein. Schließlich ist es eine Schultüte und kein Wimmelbild. Deswegen keine Türen, keine Flamingos, kein Herzkönig, kein Teegeschirr.

Das nicht ganz unmaßgebliche Fläschchen mit der Aufschrift “Drink me” fand unten an der Spitze seinen Platz.

 

Zylinder des verrückten Hutmachers.

Entstehung des Zylinders vom verrückten Hutmacher aus Filz für die Schultüte Alice im Wunderland.

 

Diese Schultüte entstand im Mai 2016. Sie war in der Umsetzung handwerklich als auch zeitlich sehr aufwendig und wird daher einmalig bleiben. Genauso wie die Erlebnisse von Alice im Wunderland.

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[ Doris Niestroj – Filz & Form ]

8 Kommentare

  1. Wow Doris, man sieht, bei dieser Tüte hat es dich so richtig mitgerissen!
    ♥lichst, Gabi

    Antworten
    • … wo Du recht hast, hast Du recht. Das ist eher eine Installation als eine Tüte, ich gebe es zu. Aber ich liebe das Thema Alice im Wunderland.

      Antworten
  2. Ahhhhhh Doris, was für eine Arbeit hast du da wieder mal geleistet !

    Antworten
    • Hallo Els,
      ich freue mich, dass Du “mit umgezogen” bist!
      In diesem Fall war es keine Arbeit sondern ein Rausch. Ich musste mir selber auf die Finger hauen. Hier habe ich es bedauert, dass die Tüte so “klein” ist.

      Antworten
  3. Liebe Doris,
    kann man “soetwas” überhaupt abgeben ? Das kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen.
    Die kleine Alice hätte ich auf jeden Fall vom Zylinder gehoben und bei mir behalten !
    Herzliche Grüße, Angela

    Antworten
    • Klar kann ich so etwas abgeben. Mich reizt der Prozess des Schaffens. Sobald etwas fertig ist, ist es für mich nicht mehr interessant, weil schon wieder eine neue Idee darauf wartet umgesetzt zu werden.
      Sind (kunst)handwerklich gefertigte Produkte mit ECHTEM Unikatcharakter in der heutigen Zeit überhaupt noch monitär bewertbar?
      Alice muss da sitzen bleiben, sonst ist es doch nur noch eine die Schultüte im Wunderland. 😉

      Antworten
  4. WOW! Einfach nur wow! Was für eine Arbeit in der Schultüte steckt! Wirklich Respekt!
    Bei den Märchen kann ich übrigens mitfühlen! Die sind schon ziemlich brutal. Grenzwertig fand ich als Kind immer die drei kleinen Schweinchen. In einem dänischen Märchenbuch habe ich als Erwachsene sogar mal eine Geschichte gelesen, über die ich mich total empört habe. Sie hatte absolut gar keine gute Moral am Ende. Für Kinder total ungeeignet! Mal schauen, was mein Sohn später zu lesen bekommt… 😀
    Liebe Grüße
    Kathleen

    Antworten
    • Man darf natürlich nicht vergessen in welcher Zeit diese Märchen geschrieben wurden. Teilweise waren sie für Erwachsene gedacht, teilweise versteckten sie Gesellschaftskritik (wie Alice im Wunderland), teilweise sind es aufgeschrieben Überlieferungen, die auf wahren Begebenheiten beruhen und ja, teilweise sind es auch Schriften mit erzieherischen Hintergrund – Struwelpeter ist das beste Beispiel.

      Antworten

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Schön das Du mich gefunden hast!
In meinem Blog erwarten Dich unterhaltsame und informative Einblicke in meine Filzwelt. Damit es aber nicht zu einseitig wird, sind noch andere Themen untergemischt die mich interessieren oder bewegen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht
Doris Niestroj

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